Es hat den Anschein, dass für meine Generation Religion nicht mehr
aktuell ist. Eigenartig ist jedoch, dass religiöse Bilderwelten über verschiedene Schleichwege des Kommerzes und des Konsums zu uns
zurückkommen. Dieser Phänomen ist interessant. Der Inbegriff religiöser
Vorstellungswelten ist für mich das Paradies. Im Paradis geschehen Dinge,
die wir nicht sehen und nicht beweisen können, an allem Paradisischen
haftet ein großer Pathos. Dieser Pathos findet sich wieder im Ritual,
in der Architektur der Religion und in dem weltlichen Ebenbild Gottes.
Die Gewänder der Priester und Politiker, die Gemächer der Bischöfe und
Präsidenten, die Paläste der Päpste und Bosse sind immer übertrieben
schön und symbolisieren immer dasselbe: Glanz und Glorie. Mich
interessiert, mit welchen visuellen Mitteln und Werten Besitz, Reichtum,
Macht und Glorie kommuniziert werden.
Die Zeichen- und Symbolsprache der Kirche hat auf uns reale Auswirkungen, sie steuert unsere Gefühle und fordert auf zur Hingabe oder
auch zur Ablehnung. Ich fühle oft Ehrfurcht wenn ich in eine Kirche gehe.
Erhabenheit vermittelt mir aber auch ein schöner Kulturpalast oder ein
stolzes Regierungsgebäude. Beim genauen Betrachten sind beide visuellen
Sprachen, die der Religion und die des Kapitals, einander ähnlich und
dennoch unterschiedlich. Sie beeinflussen uns auf eine Art und Weise,
die wir zumeist bewusst gar nicht wahrnehmen.
In meiner Forschung entdeckte ich viele Ähnlichkeiten in der Repräsentation
des Göttlichen und des Reichtums. Kirche und Kapital arbeiten vielfach
mit den gleichen Mitteln – das Heilige wird kommerzialisiert und der Markt
wird vergöttlicht. Christus hat vergeblich die Geldwechsler aus dem Tempel
vertrieben. Religion bedient sich der Mittel des Marketings und der Werbung.
Und umgekehrt die Werbung übernimmt religiöse Bilder und verspricht
auch Erlösung und Ekstase.
Mein Arbeit brachte mich zum Weiterdenken über das Thema Religion
und Geld. Religion gibt meinem Leben eine transzendentale Dimension –
eine Art Traumwelt, die in einer offenen Beziehung zur Idee Gottes steht.
Zwischen der Vorstellungswelt des Göttlichen hier in Holland und der
mir vertrauten, entdeckte ich einige Unterschiede. Darauf genauer einzugehen wäre die Arbeit eines Wissenschaftlers, nicht die einer visuellen
Gestalterin. Wichtig für mein Thema scheint mir folgender Aspekt:
Die hier in Holland durch die Reformation und den Kalvinismus geprägte
Idee von Gott, ergibt ein rationaleres, eher flacheres und mehr textlich
orientiertes Bild – das Mysterium wird dadurch verringert oder sogar
verdrängt. Die österreichische Vorstellungswelt des Göttlichen hingegen
ist beeinflusst von der Gegenreformation und dem Barock. Dadurch entsteht
eher ein absolute Welt, ein erhabenes Gottesbild – Gott steht über alles.
Zielsetzung des porjektes
Mit verschiedenen kurzen Bildgeschichten möchte ich einige Beziehungen
zwischen religiösen und materiellen Werte zeigen. Ziel ist die Selbstverständlichkeit von bestimmten visuellen Werten, Schemen, Vorstellungen
zu hinterfragen.
Lösung und Verbindung zweier Sprachen
Über die Verbindung von religiösen und weltlichen Bildern schreibt Otl Aicher:
Da die internationale Kirchensprache Latein für die Laien der europäischen
Nationen unverständlich war, wurden ihnen die religiösen Inhalte durch
ikonographisch standardisierte Bilder mitgeteilt. Eine radikale Verdichtung
und Vereinfachung der ikonographischen Darstellungen zu Piktogrammen
tauchen aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf.
Die religiöse Bildsprache kommunizierte damals die globale Sprache der
christlichen Welt; heute sind es Piktogramme, Zeichen und Symbole die
uns führen und prägen.
In meiner visuellen Arbeit versuche ich die zwei Sprachen aufeinander
zu beziehen. Dabei sollen Bilder der Religion und Bilder der heutigen Welt
unmittelbar aufeinander treffen.
Charakteristisch für Religionen ist ihre starke geistige Vorstellungswelt
mit Ideen, Bildern und den Vorschriften zu deren Handhabung. Diese Bilder
möchte ich mit der Piktogramm-Sprache von heute verknüpfen. Die Sprache
der Piktogramme, konstruiert mit harten Konturen greift u.a. zurück auf die
christliche Ikonographie. Dabei handelt es sich um ein Zusammentreffen
von ganz verschiedenen aber gleichermaßen prägnanten Zeichen und
Symbolen.
Meine Forschung startete ich spielerisch und semiotisch. Ich transformierte
verschiedene Symbole und deren Wertigkeiten zum Thema Geld und Religion.
Dann versuchte ich die visuellen Welten der Religion und des Geldes
einander gegenüber zu stellen. Ich besuchte zwei Casinos und zwei Kirchen,
interviewte deren Repräsentanten und verglich die Eindrücke und Aussagen
in Hinblick auf mein Thema. Danach suchte ich nach einem Ort, in dem
beide Welten verknüpft sind. Ich besuchte eine Ausstellung, in der man
alle möglichen Religionsprodukte bewundern und kaufen konnte. Dort
spürte ich wie sehr Religion kommerzialisiert ist. Dieses Erlebnis und
meine Recherchen in Religionskatalogen im Internet brachten mich zum
Nachdenken über die Werte der Religion und letztendlich zu den Inhalten
meiner Abschlussarbeit.
Schlussfolgerung
Gott ist tot, Glanz und Glorie leben weiter; nur auf anderen Schauplätzen.
Das "Corporate Design" Gottes wechselt seinen Träger und kleidet nun
eine kommerzielle materialistische Welt. Konsumieren füllt die Lücken und
die Leere nicht.
Persönliches · Motivation
Ich bin aufgewachsen in einer Gestalter-Familie im Westen Österreichs
in Vorarlberg. Heute weiß ich, dass das schöne Wohnen mitten im
Grünen und in den Bergen mich stark beeinflusst hat. Als Kind spielten
Phantasie und Träume eine wichtige Rolle. Oft nahm mich mein Vater
mit ins Grafik-Studio und ich verbrachte die Zeit mit malen. Mit fünfzehn
Jahren entschied ich mich die Schule für Gestaltung in St. Gallen (CH)
zu besuchen. Der „Schweizer Stil" in der Gestaltung wurde mir in diesen
fünf Studienjahren vertraut. Die Gestaltung in der Schweiz ist reduziert
und präzis. Die holländische Gestaltung empfand ich im Gegensatz
dazu eher offener und freier. Dieser Kontrast war für mich ein Grund,
in Holland mein gestalterisches Tun und Denken weiterzubilden. Ich suchte
auch etwas Distanz zu meiner Familie, um meine Identität zu entwickeln
und zu fördern. Hier in Holland veränderte sich meine Sichtweise über
mein Zuhause.
© Andrea Redolfi